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Im Volksglauben geniessen Rabenvögel nicht den besten Ruf. Als Galgen- und Totenvögel, diebisches und verlogenes Gesindel, als Pestvögel und Unglücksboten werden sie bezeichnet. Das führt zum Teil auf alte Überlieferungen aus den Mythologien verschiedener Kulturen zurück.


In der griechischen Mythologie war der Rabe einst weiß, weißer als der Schnee und als die Taube. Der Rabe war Bote des Gottes Apollon, dem Gott des Lichts und der sittlichen Reinheit. In einer Erzählung heißt es, Apollon schickte den Raben mit einem goldenen Becher zur Quelle, um dort Wasser zu holen, welches Apollo Zeus als Opfer darbringen wollte. Der Rabe sollte keine Zeit vergeuden auf seinem Wege. Doch an einem Baum voller Feigen, die noch nicht gereift waren, hielt der Rabe inne und ob seiner Gefrässigkeit wartete er dort so lange, bis die Feigen reif waren.

Da der Rabe aber nicht den Zorn Apollos auf sich lenken wollte, nahm er eine Wasserschlange mit und gab ihr die Schuld, ihm den Weg zur Quelle versperrt zu haben, weshalb er nicht rechtzeitig zurückkehrte. Apollon war über diese Lüge des Raben so erbost, dass er ihn strafte, kein Wasser mehr trinken zu können, in der Zeit, in der die Feigen reiften. Aus Wut und Zorn verbannte er den Raben, die Schlange und den Becher an den Himmel.

Eine andere Überlieferung handelt von Apollon und seiner Geliebten Koronis. Apollon umwarb die Nymphe Koronis und schickte ihr einen weißen Raben als Beschützer. Obwohl Koronis von Apollon ein Kind erwartete, verband sie sich mit König Ischys, den sie liebte. Der Rabe berichtete Apollon von dem Verhältnis von Koronis, worauf hin Apollon in Zorn geriet und Koronis erschlug. Er bereute bald seine Tat und rettete dem ungeborenen Kind das Leben, in dem er es aus Koronis`Leib schnitt. Er bestrafte den Raben, in dem er ihn verdammte, für alle Zeit schwarz zu sein und verbannte den Raben an den Himmel.

Besonders im Frühjahr kann man das Sternbild des Raben oder Corvus sehr gut erkennen. Das Sternbild besteht aus fünf Sternen, deren Namen aus dem arabischen stammen. Einige von ihnen haben eine bestimmte Bedeutung: Kraz, Alchibah ("Zelt"), Minkar ("Schnabel"), Algorab ("Rabe") und Gienah ("der rechte Flügel des Raben"). Und wie es in den Überlieferungen zu finden ist, liegt das Sternenbild des Raben nördlich von Wasserschlange und Becher.

Doch nicht nur die Verbannung des Raben an den Himmel wurde aus der griechischen Mythologie entnommen, auch die Bestrafung der Krähe durch Athene. In Ovids Metamorphosen, einem mythologischen Werk über Verwandlungen, berichtet der römische Dichter Ovid über die Nymphe Koronis und ihre Verwandlung in eine Krähe. Die Nymphe Koronis wurde von Poseidon umworben und bedrängt und sie bat Athene um Hilfe. Die Krähe war der Lieblingsvogel Athenes. Athene half ihr und in Krähengestalt konnten beide Poseidon entkommen. Koronis fiel jedoch aufgrund ihrer Geschwätzigkeit bei Athene in Ungnade, weil sie ein Gebot der Göttin gelüftet hatte. Der Steinkauz wurde der Lieblingsvogel und die Krähe für ihr loses Mundwerk bestraft.


In der germanischen Mythologie waren Raben dem höchsten Gott zugeordnet, dem Gott Odin. Odin ritt jeden Morgen auf seinem achtbeinigen Pferd Sleipnir aus und die beiden Raben Huginn und Muninn, die Gedanke und Erinnerung darstellen, begleiteten ihn. Er schickte die Raben hinaus in die Welt, damit sie ihm ins Ohr berichten konnten, was in der Welt vor sich geht. Odin war nicht nur ein mächtiger Gott, sondern auch ein mächtiger und mutiger Krieger, der selbst die Gestalt eines Raben annehmen konnte. Für die Germanen waren es heilige Tiere, Odins heilige Tiere, zu denen auch der Wolf gehört. Für die Germanen war der Flug und das Verhalten das wichtigste Omen vor Schlachten und Kämpfen. Die Germanen begruben die Gefallenen nicht, sie hinterliessen sie den heiligen Tieren, die sich an den Leichen ergötzten.

Die Elster spielt in der germanischen Mythologie ebenfalls eine Rolle, denn sie ist der Vogel der Göttin Hel, Herrscherin des Totenreichs Hel unter den Wurzeln der Weltesche Yggdrasil. Auch hier steht der Rabenvogel wieder, zwar im Zeichen des Todes, mit dem Göttlichen in Verbindung.


Für die Indianerstämme der nordwestamerikanischen Pazifikküste ist der Rabe die wichtigste Kreatur der Erde. Der Rabe war der große Hüter und Beschützer der Kultur, der Schöpfer der Erde, der alles mit seinem Willen lenken konnte, er war Übermensch und erschien in mannigfaltiger Gestalt. Er brachte Sonne, Mond und Sterne an den Himmel, er füllte die Gewässer der Erde mit Fischen und setze alles Getier auf das Land. Er wies der Natur ihren richtigen Ort, vor allem den Bäumen und den Flüssen. Er bevölkerte die Erde mit Menschen und gab ihnen das Feuer. In der Kunst dieser Indianer wurde keine andere Tiergestalt so vielfältig dargestellt, wie der Rabe und in Totems verschiedener Stämme ist er Symbol für das Ansehen. Bis heute wird besonders das Motiv des Raben verwendet, der die Sonne im Schnabel trägt und sie zum Himmelszelt bringt.


Die jüdische und christliche Glaubensdogmatik sieht den Raben anders. Schon im alten Testament galt der Rabe als unreines Wesen, als Inkarnation des Bösen und des Teufels. Einst entsandte Noah den Raben, um nach trockenem Land zu suchen, doch der Rabe fand einen Tierkadaver und ergötzte sich an diesem. Er kam nicht zurück und Noah verfluchte ihn und entsandte die Taube, die mit dem Ölzweig wiederkehrte. Im jüdischen Glauben sind Raben aufgrund dessen schwarz geworden. Auch war es Gott gewesen, der den Rabenvögel die Singstimme nahm und sie somit kreischen und krächzen mussten, als Strafe für ihre Untugend.

Durch solch alte Überlieferungen gilt der Rabe auch heute noch im Volksglauben als Vorbote des Todes und des Unwetters, als Überbringer von Krankheit und Unglück. Viele Bezeichnungen und Sprichworte mit Rabenvögeln bedeuten schlechtes und negatives. Die Elster gilt als verlogenes und geschwätziges Tier und ihr schackernder Ruf klingt wie hämisches Gelächter. Schlechte Eltern werden als Rabeneltern bezeichnet, da im Altertum die Vorstellung aufkam, Raben würden sich nicht um ihre Jungen kümmern und diese aus dem Nest werfen. Als Galgenvögel wurden sie bezeichnet, da sie an Richtstätten auftauchten, um sich an der Leiche des Hingerichteten zu vergreifen. Auch wurde behauptet, es wäre Satan selbst in Rabengestalt, der gekommen war, um sich die Seele des Hingerichteten zu holen.